Samstag, 19. Juli 2014

No Sex Please, We're British

Es gibt so Gespräche am Abendbrottisch, da würde man gern vorher eine Warnung erhalten, damit man sich entsprechend vorbereiten kann (oder dann erst gar nicht zu dem Abendessen erscheint). Diese Woche hatten wir so einen Fall.

Da erklärte der kleine Autofanatiker plötzlich seinem 6-jährigen Bruder: "Sei froh, dass du nichts über Sperma und Sex weißt. Das ist total eklig, wie man Babys macht." Mir blieb fast das Essen im Hals stecken. Vorsichtige Nachfragen ergaben dann, dass es sich bei seinem neuen Wissen nicht um die Weisheit von Spielplatzgesprächen handelte, sondern man in der Schule mit Aufklärungsunterricht begonnen hatte.

Nein, ich habe nichts gegen Aufklärung bei meinen Kindern. Und wenn das Pädogogen übernehmen, die keine herumgestotterten Erklärungen abliefern (wie ich das machen würde) oder durch Gerüchte auf dem Schulhof verunsichern, dann finde ich das eigentlich noch besser. Sicher kann man auch froh sein, dass gerade in Großbritannien, wo die Schwangerschaftsrate unter Teenagern hoch ist, sehr zeitig mit der Aufklärung begonnen wird.

Und trotzdem stößt mir das Ganze etwas sauer auf. Denn weiteres Nachforschen ergab, dass recht grafische Details sowohl vom Akt der Zeugung als auch von der Geburt in Form von Videos an die erst achtjährigen Kinder weitergegeben wurden - und die Kinder (zumindest meines) damit verstörten, während der emotionale Teil von Beziehungen völlig außen vor gelassen wurde. An einem Tag kam der kleine Autofanatiker aus seinem Klassenzimmer und musste mich als erstes umarmen, in aller Öffentlichkeit, direkt vor der Schule. Das macht er sonst nie! Ich hätte mir zumindest von der Schule gewünscht, dass die Eltern im Vorfeld auch davon erfahren.

Enkelkinder kann ich mir wohl jetzt abschreiben, denn der kleine Autofanatiker hat nun schon mehrmals erklärt, dass er auf keinen Fall jemals Kinder bekommen wird.

Aber vielleicht sollte man einfach nichts anderes erwarten in einem Land, in dem ein Höhepunkt der Film- und Theaterkultur in den 70-ern war "No Sex Please, We're British" und in dem ich erst vorige Woche einen Spielplatz mit Planschbecken besuchte, an dem ein Hinweisschild angebracht war, dass Kinder nur "angemessen" bekleidet ins Wasser dürfen.


Dienstag, 1. Juli 2014

Ein Fisch names Henry

Selbstverständlich möchte ich mich auf meinem Blog nicht mit fremden Federn schmücken, aber ich möchte euch doch nicht die wunderbare Geschichte vorenthalten, die der Mittlere (in Kürze 6) am Wochenende geschrieben hat.


Es lebte einmal ein Fisch namens Henry. Er lebte mit seiner Familie im Meer. Eines Tages ging die Familie jagen. Leider starb dabei sein Vater. Glücklicherweise trafen sie einen anderen Fisch. Er sagte: "Darf ich euer Daddy sein?" Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. The End.


Ah, so viel Tragik und so viel Glück in so wenigen Worten. Da könnten sich manche Autoren und Redner ein Beispiel daran nehmen. Literaturnobelpreis hier kommen wir (Ob er Mama in seiner Dankesrede erwähnen wird? Ich hoffe es!).

Dienstag, 24. Juni 2014

Können Kinder noch ohne Internet leben?

Hier kommt die Frage des Tages: Wie wichtig ist das Internet für einen Achtjährigen? Nein, das ist keine Frage, die ich mir stelle, weil ich mir vielleicht Gedanken darüber mache, dass meine Kinder zu viel Zeit damit verbringen, auf YouTube Minecraft-Videos anzugucken. Das ist stattdessen eine Frage, mit der sich mein Achtjähriger anscheinend beschäftigt. Kürzlich wollte der kleine Autofanatiker nämlich von mir wissen: "Mama, wenn Du Dich entscheiden müsstest zwischen mir oder dem Internet, wofür würdest Du Dich entscheiden?"


Wie kommt ein Kind nur auf solche Fragen? Statt mich zu fragen, wie denn nun eigentlich das Baby in Mamas Bauch kommt, was eine völlig verständliche Frage wäre (und die bis jetzt noch von keinem Kind kam) soll ich mich zwischen Sohn und Internet entscheiden. Nicht, dass ich mich darüber beschwere. Das fällt mir die Antwort wesentlich leichter, als die Sache mit den Bienen, Blumen und Störchen zu erklären.


Er hat sich dann gefreut, dass ich mich also für ihn entscheiden würde und meinte, dass er sich im Falle des Falles auch für mich entscheiden würde. Papa würde er auch dem Internet vorziehen, allerdings mit der Begründung, dass Papa ja auch das ganze Geld verdient, dass wir zum Leben brauchen und das ist dann vielleicht doch nicht so ein großes Kompliment für den Papa. Richtig schwierig wurde es dann bei seinem nächstjüngeren Bruder, mit dem er zwar am allerschönsten spielen kann, aber der ihn in der Familie auch am allermeisten nerven kann. Da musste er erst eine Weile überlegen und war sich dann nicht ganz sicher, aber eventuell würde das Internet im Zweifelsfall doch besser sein als der Mittlere. Vielleicht ganz gut, dass man manche Entscheidungen im Leben nicht wirklich treffen muss.

Montag, 9. Juni 2014

Unsere kleine Farm

Hätte mir das jemand vor zehn Jahren prophezeit, als ich noch in London wohnte und  meine Idee eines Ausflugs aufs Land darin bestand von Nordlondon auf die andere Seite der Themse zu fahren, hätte ich laut gelacht und das für völlig unmöglich gehalten, aber es ist so: Seitdem wir auf dem Land wohnen, habe ich mich schön des Öfteren dabei ertappt, am Sonntagabend "Countryfile" anzuschauen, einer Sendung, in der es um neueste Entwicklungen in der Landwirtschaft geht.

Gestern nun war "Tag des offenen Bauernhofs". Also verbrachten wir den Sonntag auf einem Bauernhof in unserer Nachbarschaft. Schauten uns die Kühe, Schweine, Schafe und Hühner an. Fuhren auf dem Traktor. Staunten darüber, wie riesig Mähdrescher so aus der Nähe sind. Und hatten einen Riesenspaß dabei. Nein, nicht nur die Kinder. Ich auch.

Jetzt frage ich mich aber schon: Was kommt als Nächstes? Steht demnächst eine Kuh in unsererm Garten? Obwohl, vorige Woche im "Countryfile" ging es darum, wieviele Leute jährlich von Kühen verletzt werden. Da sollte ich besser doch noch mal darüber nachdenken. Eine Zwergziege wäre ohnehin der Größe des Gartens angemessener. Einen Traktor (allerdings in Kindergröße) haben wir auch schon. Es kann mit unseren eigenen kleinen Farm bald losgehen. Aber vielleicht bleibe ich auch einfach beim "Countryfile"-Anschauen. Fürs Erste.


Samstag, 10. Mai 2014

Wie sich die Zeiten ändern

Zunächst einmal möchte ich auf meinen Post von vier Jahren hinweisen:


Dienstag, 11. Mai 2010

Geburtstagsparty

Geburtstagsparty für einen Vierjährigen:
Lustige Spiele mit meinen Freunden.
Geschenke.
Kuchen.
Wissen, dass man jetzt ein großer Junge ist.

Geburtstagsparty für eine Mutter:
26 Eier
1500gr Mehl
1100 gr Zucker
5 Stück Butter
Daraus 5 Kuchen backen.
Dabei nicht die Kinder anschreien, weil sie ein Ei auf den Boden geworfen haben.
Girlanden aufhängen.
Das Haus von oben bis unten putzen.
Betten für die 7 Übernachtungsgäste beziehen.
Dabei nicht die Kinder anschreien, weil sie auf den Bettern herumhüpfen.
Partygeschenke kaufen und einpacken.
Spiele vorbereiten.
Zum dritten Mal am gleichen Tag in den Supermarkt fahren, weil man wieder was vergessen hat.
Luftballons aufblasen.
Karten mit Danksagungen schreiben.
Wissen, dass man im nächsten Jahr jemanden dafür bezahlt, sich um die Feier zu kümmern.

Ach wie anstrengend war das damals! Auch der 6.Geburtstag war noch schlimm genug.

Diese Woche feierten wir den 8. Geburtstag des kleinen Autofanatikers. Und alles war plötzlich anders.

Er hatte drei Freunde eingeladen. Und Mama sollte sich plötzlich überhaupt nicht mehr sehen lassen. Hurra, hurra, hurra! Ich durfte keine Spiele vorbereiten. Ein paar Luftballons, die ich aufgeblasen hatte, wurde ignoriert. Gnädigerweise wurde mir erlaubt, die Pizza in den Ofen zu schieben und ein Stück vom Geburtstagskuchen (fertig gekauft) abzuschneiden. Ansonsten sah ich die Jungs den Rest des Nachmittags nicht. Ein voller Erfolg für alle!

Dienstag, 29. April 2014

Krieg, Frieden und kleine Jungs

Am Sonntag wurde nach dem Gottesdienst dazu eingeladen, vor der Kirche Mohnsamen zu pflanzen. Diese Samen stammen von Mohnblumen von den Kriegsfeldern aus Flandern und damit soll natürlich an den Beginn des 1. Weltkrieges erinnert werden.


Da standen nun meine deutsch-englischen Jungs, 100 Jahre nachdem sich ihre Vorfahren auf beiden Seiten gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben, und verstreuten fröhlich Samen. Kann ein Symbol für den Frieden schöner aussehen?


Kleine Jungs eignen sich als ein Symbol für Frieden jedoch nur sehr bedingt. Beim Abendessen kaute zuerst der Mittlere sein Brot so, dass er eine Pistole in der Hand hatte, mit der er "Peng, peng" auf seine Brüder zielte. Der Kleine hielt mit und warf ein heiteres "Hände hoch" in die Runde, bevor er mit seinen kleinen Fingerchen auch abdrückte. Ich musste darüber nachdenken, ob kleine Jungs vor 100 Jahren wohl viel anders waren. Natürlich haben sich seitdem die Erziehungsmethoden sehr verändert, aber kleine Jungs? Die haben bestimmt auch schon vor 100 Jahren ständig miteinander kämpfen gespielt.

Donnerstag, 3. April 2014

Die unsichtbare Nabelschnur

Im Grunde genommen sollten Glucken wie ich eigentlich gar keine Kinder bekommen. Denn gluckenhafte Mütter sind nur glücklich, wenn sie zu jedem Zeitpunkt ganz genau wissen, wo sich ihre Kinder befinden, am glücklichsten sind sie, wenn sich alle Kinder in greifbarer Nähe befinden und am liebsten würden sie die unsichtbare Nabelschnur niemals durchtrennen. Kinder dagegen haben vom Moment der Geburt an nichts Eiligeres zu tun, als diese unsichtbare Nabelschnur zuerst immer weiter zu dehnen und schließlich ganz zu zerreißen. Jeder Entwicklungsschritt ist ein Schritt in Richtung Unabhängigkeit.


Mit größeren Kindern kommt immer mehr Unabhängigkeit und die richtige Balance zwischen meiner inneren Glucke und meiner Vernunftsmutter, die sich über selbstbewusste und selbstständige Kinder freut, zu finden, fällt mir nicht immer leicht. Diese Woche hatten wir so einen Fall: Der kleine Autofanatiker hatte abends zwischen 19 und 20 Uhr ein Theaterstück in der Schule. Und er wollte unbedingt allein hinlaufen. Die Vernunftsmutter in mir meinte "Prima! Noch vor ein paar Monaten hätte er sich das nicht selbst zugetraut, da wäre er noch nicht mal allein auf die Jungstoilette gegangen.", die Gluckenmutter in mir mahnte "Aber was ist, wenn ihm was passiert??? Er ist doch noch so klein und arglos. Und dann auch noch abends!"


Nun muss man dazu wissen, dass wir ungefähr 150 Meter entfernt von der Schule wohnen. Eine Straße gibt es bis dahin nicht zu überqueren und seit der Sommerzeit ist es auch um 20 Uhr noch taghell. Viel zu überlegen gibt es da eigentlich nicht. Trotzdem war mir bei dem Gedanken, mein (nicht mehr ganz so) kleines Kind allein abends loszuschicken nicht wohl. Ist das eigentlich legal oder verletzt man dabei die Aufsichtspflicht? Die Antwort auf diese Frage weiß ich zwar immer noch nicht, aber am Ende habe ich es mit seiner Klassenlehrerin besprochen. Und sie hat einen Kompromiss vorgeschlagen, der Glucken- und Vernunftsmutter gleichermaßen befriedigt hat. Denn sie hat mir einfach ihre Handynummer gegeben. Als der kleine Autofanatiker das Haus verließ, schickte ich ihr eine SMS. Drei Minuten schrieb sie zurück "Er ist angekommen." Für den Rückweg bat ich eine Nachbarin, die ein gleichaltriges Kind hat, ein Auge auf ihn zu werfen. Ganz stolz war er kurz nach 8 wieder daheim. An diesem Tag haben wir beide etwas Wichtiges gelernt.


Als die allergrößte Glucke entpuppte sich allerdings überraschenderweise der große Autofanatiker. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, kurz nach dem kleinen Autofanatiker das Haus zu verlassen, um ihm ganz unauffällig zu folgen. Wer hätte das gedacht!